VdS-BrandSchutzTage 2019

Vernetzter Brandschutz – Chance oder Risiko?

Der termingerechte Abschluss von Großprojekten scheitert oftschon im Vorfeld bei der Planung des Bauvorhabens. Ein häufiger Grund: nicht ausreichend durchdachte und fehlgeplante Brandschutzmaßnahmen. Bei den VdS-BrandSchutzTagen 2019, am 5. Dezember in Köln, diskutierten Branchenexperten zum Themenblock „Vernetzter Brandschutz – Chancen und Risiken“.Der beteiligte Fachverband Tageslicht und Rauchschutz e. V. (FVLR) sowie die VdS Schadenverhütung GmbH ziehen ein Resümee.

Großflächige, einzigartige und damitauch komplexe Bauwerke werden von vielen Architekten und Bauherren gewünscht. Diese Abweichung vom Standard wird oft durch anlagentechnischen Brandschutz, der in der Regel nicht von der Bauordnung gefordert wird, kompensiert. Werden Brandmelde-, Sprinkler- und Rauchabzugsanlagen sorgfältig geplant, bieten sie im Regelfall eine hohe Funktionssicherheit. Anders sieht das bei willkürlich vernetzten Systemen aus, wenn hiernicht die Einsatz- und Systemgrenzen des einzelnen Systems und die Wechselwirkungen zueinander beachtetwerden. Soll nämlich ein System Leistungen für ein anderes System zusätzlich übernehmenund fällt dann nur eine Komponente – etwa durch falsche Verdrahtung oder überlasteteAnschlüsse – aus, funktioniert das gesamte Szenario nicht mehr. Das kann einen Verlust des vollständigen Brandabschnitts mit sich ziehen.

Komplexe Systeme

Dipl.-Ing. Thomas Hegger, Geschäftsführer des FVLR, hielt bei der Fachtagung einen Vortrag mit dem Titel „Keep it simple, keep it small“. In deranschließenden Podiumsdiskussion führte er dazu noch weiter aus: Bei der Planung,während des Baus und Betriebs sowie bei derspäteren Nutzung und den immer folgenden Änderungen sollte stets der „Keep it simple, keep it small“-Gedanke beachtet werden. „Simple: Einzelne Systeme sollten in sich geschlossen bleiben und dadurch möglichst überschaubar gehalten werden“, erklärt Hegger. „Small: Rauch- und Brandabschnittsgrößen sollten begrenzt werden, sodass im Brandfallnur der Verlust einer kleineren Fläche in Kauf genommen werden muss und kein Totalverlust eines übergroßen Brandabschnitts oder eines gesamten Gebäudes.Denn dies führt nicht selten zu einem wirtschaftlichen Totalschaden. “ Eine Begrenzungder Rauch- und Brandsabschnittsgrößen ermöglicht auch eine bessere Übersichtlichkeit, eine eindeutige Instandhaltung und bei Nutzungsänderungen oft nutzbare Reserven oder eine mögliche Erweiterung.

Diesem Gedanken schließt sich Dipl.-Ing. Alwine Hartwig, bei VdS verantwortlich für die Entrauchung, an. Die Brandschutzexpertin leitete die Podiumsdiskussion der Fachtagung und ergänzte: „‚Keep it simple, keep it autark‘. Brandschutzanlagen sollten nicht komplexer als nötig sein und jede einzelne Anlage autark funktionieren, um dem Risiko eines Ausfalls schon in der Planung vorzubeugen.“

Risiko in allen Phasen

Negativbeispiele von Großprojekten der letzten Jahre zeigten, dass eine Missachtung dieser Ansätze in Kombination mit fehlender Koordination von der Planung bis zur Ausführung der Gewerke eine Fertigstellung des Baus verhindern oder zumindest stark hinauszögern können. Im Regelfall fallen die Kostendurch spät festgestellte Nachträgeerheblich hoch aus. „Wenn dann noch aus Kostengründen die geplanteRaumlüftungsanlage die Entrauchung mit übernehmensoll, wird das Projekt oft nicht mehr beherrschbar“, ergänzt Hegger.

Ist die Bauphase abgeschlossen, gibt es nicht selten im Nachhinein Nutzungsänderungen des Gebäudes. Ein komplexes, vernetztes Brandschutzsystem kann dann zum Problem werden. Bei fehlender vollständiger Beschreibung aller Anlagen, der Abklärung von Wechselwirkungen und vollständigen Funktions- und Schalt-Matrizes kann der Instandhalter u. a. aufgrund fehlender Dokumentationen nicht mehr nachvollziehen, welche Funktionen die einzelnen Komponenten übernehmen solltenund wie diese geschaltet und verdrahtet sind. Dadurch können die Risiken für das Gebäude nicht mehr sicher eingeschätzt werden. „Es besteht dann ein großes Risiko durch vollvernetzte Anlagen. Der Bauherr muss den Brand beherrschen, nicht der Brand den Bauherren“, stellt Heggerklar.

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